Vigilant Inference Governor

ADR-0029: Ein Hinweis darf verschaerfen, nie lockern

Status: Akzeptiert · 2026-09-10 Betrifft: core/hints, core/scheduler; Paket NV-18 Ausloeser: Die Anwendung weiss Dinge, die der Governor nicht wissen kann — und darf sie deshalb noch lange nicht bestimmen

Kontext

Ein Roboter, der geradeaus faehrt, braucht die Detektion dringender als einer, der steht. Ein Greifvorgang hat einen Aktionshorizont: bis er abgeschlossen ist, aendert eine neue Wahrnehmung nichts mehr an der Entscheidung.

Diese Kenntnis in die Planung zu lassen ist wertvoll und gefaehrlich. Der gefaehrliche Teil ist nicht der Fehler in der Anwendung — den gibt es immer — sondern die Moeglichkeit, dass ein Hinweis eine Zusage lockert, die der Betreiber gegeben hat.

Entscheidung

Verschaerfen ist frei, lockern braucht eine Freigabe. „Ich brauche es dringender" wird angenommen: die Zusage des Betreibers wird dadurch nicht schwaecher, nur teurer. „Ich brauche es weniger dringend" wird abgelehnt, es sei denn, der Betreiber hat genau diesen Fall vorher freigegeben.

Auch Verschaerfen hat eine Untergrenze. Sicher ist es fuer die Zusage, nicht fuer die Nachbarn: ohne Boden koennte eine Anwendung durch immer schaerfere Forderungen die gesamte Kapazitaet auf sich ziehen.

Jeder Hinweis traegt eine Frist. Nach ihrem Ablauf gilt der Grundvertrag — nicht der letzte bekannte Zustand. Ein Sensor, der ausfaellt, waehrend er „alles ruhig" gemeldet hat, darf nicht dauerhaft Ruhe bedeuten.

Ein Hinweis ohne gueltige Herkunft ist kein Hinweis. Die Voreinstellung ist geschlossen: ohne benannte Stelle wird niemand gehoert.

Widerspruch heisst Grundvertrag. Zwei gleich frische Hinweise mit unvereinbarem Inhalt heben sich auf. Der Governor entscheidet nicht, welcher recht hat — er hat dafuer keine Grundlage.

Erst den Hinweis fuer sich pruefen, dann gegen die bestehenden. Andersherum bekaeme ein unfreigegebener Modus die Meldung „Widerspruch" statt seiner eigenen, und der Betreiber suchte den Fehler an der falschen Stelle.

Eine Lockerung hebt das Hoechstalter an, sie schaltet es nicht ab. Das war im ersten Entwurf anders und war falsch: „kein Hoechstalter" heisst, dass bis zum Ende des Horizonts nichts mehr als veraltet verworfen wird — die GPU rechnet dann ausgerechnet in dem Fenster am meisten Altlast, in dem niemand hinsieht. Jetzt reicht das Hoechstalter bis zum Ende des Horizonts und schrumpft mit ihm, faellt dabei aber nie unter den Vertrag: eine Lockerung, die verschaerft, waere ein Widerspruch in sich.

Ein Hinweis aendert keinen Vorrang. Er ist eine Aussage ueber Frische. Wer zwischen Stroemen vorgeht, entscheidet die Betreiberpolicy — dasselbe Argument wie bei ADR-0027.

Konsequenzen

Der Governor interpretiert die Welt nicht. Er liest keine Sensordaten, leitet keinen Zustand ab und trifft keine Sicherheitsentscheidung. Eine „Confidence" aus einem Modell ist hier kein Eingabewert; sie waere eine Zahl, deren Zustandekommen der Governor nicht beurteilen kann.

Eine engere Freigabe wirkt sofort, auch auf bereits angenommene Hinweise. Der Betreiber muss nichts zuruecknehmen; er aendert die Freigabe, und der naechste Blick auf den Hinweis faellt anders aus.

Die Herkunft ist im Kern eine undurchsichtige Kennung. Wie sie belegt wird — Token, mTLS, Unix-Peer — entscheidet die Schicht darueber. Der Kern prueft Gleichheit gegen die Freigabe und sonst nichts.

Alternativen

Hinweise als Vorrang statt als Frische. Waere maechtiger und haette die Betreiberpolicy ausgehebelt: eine Anwendung koennte sich selbst nach vorne bringen.

Confidence-Werte annehmen und gewichten. Klingt nach Feingefuehl und ist eine Zahl, die der Governor nicht pruefen kann. Ein falsch kalibriertes Modell haette damit direkten Zugriff auf die Zulassung.

Den letzten Hinweis nach Fristablauf weitergelten lassen. Bequem, und es macht einen Sensorausfall zu einer Dauerentwarnung.