Vigilant Inference Governor

ADR-0010: Pessimistisch versprechen, optimistisch verwerfen

Status: Akzeptiert · 2026-08-31 Betrifft: Spec 10.3 (Stufe B), 13.2 (konservative Prognose) Ausloeser: Gate-S-Lauf nach ADR-0009, Szenario A weiterhin ohne Ausgabe

Kontext

ADR-0009 stellte die Verwerfensentscheidung von der Deadline auf die Frische um. Szenario A lieferte danach weiterhin null Ergebnisse bei 125 % Last.

Die Ursache liegt eine Ebene tiefer. Die Frischepruefung verwendete dieselbe konservative Prognose wie die Machbarkeitsrechnung:

predicted_finish = start + p99 * 1.10
verwerfen, wenn predicted_finish - generation_time > max_age

In Szenario A bei 125 % Last: p99 * 1.10 = 68 ms, Transportverzoegerung 3 ms, max_age = 66 ms. Schon ohne jede Wartezeit ergibt das 71 ms — jeder Frame galt als wertlos, bevor er startete. Die FIFO-Baseline lieferte im selben Lauf 282 brauchbare Ergebnisse, weil die tatsaechliche Laufzeit meist bei p50 ≈ 41 ms lag und damit gut innerhalb der Frischegrenze.

OneTimer warf also Arbeit weg, die in der Realitaet ueberwiegend nuetzlich gewesen waere — auf Grundlage einer Annahme, die absichtlich pessimistisch ist.

Entscheidung

Konservatismus wird richtungsabhaengig angewandt.

Entscheidung Schaetzer Warum
Machbarkeit, Variantenwahl, Look-ahead-Veto, Slot-Belegung p99 * Sicherheitsmarge Hier wird etwas zugesagt. Wer optimistisch plant, verspricht, was er nicht halten kann.
Verwerfen wegen Ueberalterung p50 Hier wird etwas vernichtet. Wer pessimistisch verwirft, wirft weg, was ueberwiegend noch gut gewesen waere.

Ein Request wird vor dem Dispatch nur verworfen, wenn er selbst im guenstigen Fall wertlos waere:

optimistic_finish = earliest_start + p50
verwerfen, wenn optimistic_finish - generation_time > max_age

Die Machbarkeitsrechnung bleibt unveraendert konservativ. Ein Request, dessen p99-Prognose die Deadline reisst, dessen p50-Prognose aber innerhalb von max_age liegt, wird mit der schnellsten Variante gestartet und bei Fertigstellung nach Stufe C bewertet.

Begruendung

Die beiden Entscheidungen haben unterschiedliche Fehlerkosten.

Eine zu optimistische Zusage kostet eine verpasste Deadline: das System haette warten oder degradieren koennen und hat es nicht getan.

Ein zu pessimistisches Verwerfen kostet ein Ergebnis, das es nie geben wird — und im Grenzfall, wie Szenario A zeigt, die gesamte Funktion. Es gibt keine Korrekturmoeglichkeit: verworfene Arbeit kommt nicht wieder.

Dieselbe Asymmetrie liegt bereits der Variantenhysterese zugrunde (Spec 12.4): Abwertung sofort, Aufwertung erst nach stabiler Reserve. In beiden Faellen wird der Konservatismus dorthin gelegt, wo er den geringeren Schaden anrichtet.

Konsequenzen